Moderator und DJ Hans Nieswandt von 1Live im Portrait Foto: Patrick Pollmeier


Hans Nieswandt


Interview vom 23.02.2014 aus "Der Abiturient"

Als künstlerischer Leiter betreut er ab dem Wintersemester den neuen Masterstudiengang „Populäre Musik“ an der Bochumer Folkwang Uni. Hans Nieswandt, DJ beim Radiosender Einslive, über „sein Baby“ und die Frage, ob er seine DJ-Karriere dafür an den Nagel hängt.

Das Musikgeschäft ist schnelllebig, oft bleiben große Erfolge aus. Wie wichtig ist die Flexibilität?

Innerhalb des Künstlerdaseins kann man alles Mögliche machen: Ich habe auch schon für Firmen gespielt, wo ich gedacht habe ,„Herrje... Naja, ich bin jung, ich habe kleine Kinder – ich muss irgendwie Geld verdienen!“ Aber ich habe meine Kunst nicht verraten. Zum Künstlersein gehört, dass man seine Existenz verpfändet. Das unterscheidet den Künstler vom „normalen“ Menschen: Wäre die Karriereplanung und der Weg eben so geradlinig, wie der eines Finanzbeamten, würde die Gesellschaft Künstler nicht so interessant finden.

 

Dann wären Sie doch die Idealbesetzung als Dozent für den Master "Populäre Musik" an der Bochumer Folkwang Uni...

Eigentlich schon. Aber erst mal möchte ich "da" sein. Ansprechpartner sein. Immer im persönlichen Austausch mit den Studenten und über ihr Projekt im Bilde sein. Da ich die Dozenten wählen darf, werde ich bestimmt irgendwann die Gelegenheit ergreifen und mich selbst auswählen (lacht).

Geben Sie dann DJ-Workshops oder -Seminare?

Meine bisherigen Gastvorträge und Workshops waren sehr unterschiedlich. Da ich selbst auch viel schreibe, beinhalten zum Beispiel viele das Thema Musik und Text. Dabei sind nicht nur Musiktexte gemeint. Das Spektrum reicht von der Pflege der eigenen Social Media-Seite, über Presseinfos bis hin zu der Auswahl der geeigneten Songtitel. Natürlich gebe ich auch DJ-Workshops. In denen wird aber nicht nur gemixt und gescratcht, sondern auch die historische Seite behandelt: Wo kommt die DJ-Kultur überhaupt her? Ich kann mir auch vorstellen, zentrale Schallplatten oder besondere Künstlerpersönlichkeiten zu behandeln. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Ich gucke dann am Ende, welcher Bereich noch nicht personell abgedeckt wurde...

Sie selbst "senden auf vielen Kanälen": DJ, Produzent, Filmredakteur, Journalist, Autor,... – wie sieht ein normaler Tag eines Hans Nieswandts aus?

Bis letzten Dezember habe ich überwiegend zuhause gearbeitet und hatte eine sehr freie Tagesstruktur. Zuhause arbeiten, leben und den Haushalt führen ist manchmal gar nicht so einfach. Vormittags war ich oft unterwegs, habe Termine wahrgenommen und bin einkaufen gewesen. Die Nachmittage habe ich mit der Administration, also der Schreibtischarbeit verbracht, und nach dem Abendessen hatte ich dann meine Ruhe... für die ganze Kreativarbeit (lacht).

Nun hat sich mein Arbeitsalltag ja wieder geändert. Ich pendel nun noch mehr zwischen Köln, Bochum und auch Essen hin und her. Mir haben schon ganz schön die Ohren geschlackert, als ich verstanden habe, für was ich alles Verantwortung trage. Nun will ich erst mal sehen, dass die richtigen Tische und Stühle da stehen und vor allem das richtige Equipment, die ganze Technik. Danach kümmer ich mich dann um meine Lehrtätigkeit.

Klingt nach einem Full-Time-Job. Legen Sie dafür nun Ihre DJ-Touren auf Eis?

Vielleicht werde ich ein bisschen reduzieren ... Aber wenn ich ehrlich sein soll, Platten auflegen – das ist das Tollste, was es gibt! Ich mache das jetzt schon so lange und behaupte mal, ich kann das auch echt gut (lacht). Allein die Livesituation. Den Menschen um acht Uhr morgens mit Musik noch Glücksmomente bescheren zu können. Es gibt nichts, was über dieses Gefühl hinausgeht!

Was macht denn die Leidenschaft aus, Musiker, generell Künstler, zu sein?

In diesen Berufen lässt sich arbeiten und leben nicht trennen. Es ist unheimlich wichtig, dass man etwas findet, das man liebt. Leidenschaft ist, dafür jeden Tag wieder gerne aufzustehen. Das ist viel wichtiger, als das große Geld und das "Um-jeden-Preis-berühmt-werden-wollen".

Was "kann" Musik und was wollen Sie mit Ihrer kommunizieren?

Musik, insbesondere Popmusik, durchdringt ja unsere Gesellschaft nahezu bis in die letzte Faser. Sie ist allgegenwärtig. Man nimmt sie als selbstverständlich hin, und es gibt eine gigantische Flut, die ununterbrochen neue Dinge hervorbringt. Da muss Kompetenz vermittelt werden, wie man Musikprojekte hervorbringt, die gebraucht werden. Etwas, das extrem viel mit der eigenen Persönlichkeit zutun hat.

Ich werde jetzt ein bisschen pathetisch... aber ich wüsste gar nicht, was ich auf der Welt machen würde, ohne Musik! Ich weiß nicht, wie ich meine Teenagerzeit am Bodensee überlebt hätte, ohne diese Kraft, die mir Musik gegeben hat! Und auch die Gewissheit, dass es da draußen etwas für mich gibt ... Musik ist fast so was, wie eine weltliche Form von Theologie. Es gibt heutzutage so viele Beispiele dafür in den Medien, wo Musik extremst verflacht ist und unwichtig – als wäre es nur eine unwichtige Konsumsache. Und da möchte ich gerne mit unseren Studenten ansetzen, dass wir so eine Art Festung, eine "Festung des Glaubens" werden!