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Radomir

Die großen Formate bieten Platz für große Gedanken, die in der
Beobachtung der Dinge wurzeln. Auf ihnen notiert Radomir.

Eine Karotte, sechs Karotten, Sonnenblumen, ein Hammer.

Leinwände überlagern, stapeln und kommentieren sich gegenseitig.

 
 

SMS-Nachricht
Mittwoch, 8:48

Lieber Radomir, Vor ca. 5 Jahren bin ich bei dir vorbeigekommen, um ein Portrait von dir zu machen. 
Die Wochenaufgabe in der FH lautete „Portrait eines Fremden“. An deinem Atelier komme ich heute noch oft vorbei und ich frage mich seit längerem, ob ich wohl noch einmal für ein paar Minuten bei dir vorbeikommen könnte, um ein weiteres Portrait von dir aufzunehmen.
Herzliche Grüße,
Patrick

 

Mein Rollkoffer poltert über den Asphalt. Zu meiner Linken, einige sorgfältig ausgewählte Worte. Horizontale Elemente eines  Rollos zensieren in regelmäßigen Abständen den Blick ins Innere. Die schattenspendenden Vertikalenenden, geben den Blick frei und makieren den Scheitelpunkt. Der Voyeur erkauft sich seinen freien Blick, indem er sich selbst dem digitalen Spion offenbart. 

 
 
 
 
 
 

Das verlängerte Auge löst die räumliche Situation auf und zeigt dem Inneren das Äußere, ohne die Umkehrung zu zulassen. Die Abwesenheit einer Klingel wird durch ein kurzes Klopfen an der Tür zur Nichtigkeit. Radomir biegt um die Ecke und öffnet die Tür. Ein kräftiger Händedruck und auf dem selben Weg zurück.
Ein Tisch, ein Sofa, drei Sessel, Leinwände.

 
 
 
 

100,5. Janis Joplin folgt auf BAP. Radomir versinkt in der Couch. Langsam und in rhythmischen Abfolgen verlässt die von der Zigarette gezeichnete Luft seinen Körper. Das Gespräch dreht sich um  die elementarsten Bestandteile der Künste, während im Hintergrund die weiße Farbe auf der Leinwand trocknet.

 
 
 
 

Mit großer Routine präsentiert der flackernde Röhrenfernseher ein unaufgeregtes Livebild des Eingangs. Heute gleicht es einem Standbild. Vier Beine tragen eine Schreibtischplatte, die mit Zeitschriften und Büchern bedeckt ist.

Das große farbige Personenlexikon 2 leuchtet gelb.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Die großen Formate bieten Platz für große Gedanken, die in der Beobachtung der Dinge wurzeln. Auf ihnen notiert Radomir. Eine Karotte, sechs Karotten, Sonnenblumen, ein Hammer. Leinwände überlagern, stapeln und kommentieren sich gegenseitig.

 

Das in der Westentasche verstaute Telefon macht mit einer kurzen Melodie auf sich aufmerksam. Das Gespräch klingt vertraut und endet mit einer Einladung. Radomir durchblättert die gestapelten Leinwände und verrückt eine nach der Anderen von links nach rechts.

Radomir spricht von Scharlatanen, Designern und Esoterikern, die den Kunstbegriff inflationär für die Definition ihrer eigenen Arbeit missbrauchen. In seinem Manifest der Kunst hält Radomir seit 1999 fest, was Kunst leisten muss, um als solche zu gelten.

 
 

Radomir greift nach dem Feuerzeug, nimmt den Schlüssel abermals aus der Tasche der Weste und öffnet die Tür. Ich verabschiede mich und blicke in die dunkle Linse zu meiner Rechten.

Die Provinz als Möglichkeit betrachtend, steht Radomir zwischen unvollendeten Werken, die in ihrer reduzierten Form den wohl ursprünglichsten Gedanken der Arbeit formulieren. 

 

Der Koffer poltert eine Stufe hinunter und findet sich auf dem Asphalt wieder.